Energie Interview

Alleine gewinnen ist schwer: Wie Stadtwerke gemeinsam vorankommen

Wie können Stadtwerke trotz steigender Komplexität und begrenzter Ressourcen zukunftsfähig bleiben? Im Interview spricht Dominik Schwärzel, CEO der Wilken Software Group, darüber, warum neue Technologien allein nicht ausreichen, weshalb sich Energieversorger auf ihre eigenen Stärken konzentrieren sollten und welche Rolle Partnerschaften und integrierte Lösungsplattformen dabei spielen.

Melina Neß und Dominik Schwärzel mit GY-Utility-Mikrofonen beim Wilken Utility Summit.

Klare Strategie als Grundlage für die Zukunft

Melina Neß: Dominik, dein Talk steht unter dem Motto „Alleine gewinnen ist schwer“. Was war denn in den vergangenen Monaten dein schönster Sieg?

Dominik Schwärzel: Da fallen mir zwei Dinge ein. Mein größter privater Erfolg war, dass wir als Familie nach Ulm gezogen sind und jetzt alle gemeinsam hier in der Nähe wohnen.

Beruflich war der größte Erfolg, dass wir eine sehr klare Vorstellung von unserer Strategie für 2030 und 2035 entwickelt haben. Wir konnten diese Strategie im Unternehmen kommunizieren und konkret festlegen, welche Aufbau- und Ablauforganisation und welche Rollen wir dafür benötigen.

Wir wissen jetzt sehr genau, wo wir heute stehen, wo wir hinwollen und wie wir dorthin kommen möchten. Dass dieses Modell nun tatsächlich in der Organisation verankert wird, fühlt sich gut an und gibt uns einen sehr positiven Blick in die Zukunft.

Stadtwerke sollten sich auf ihre Stärken konzentrieren

Melina Neß: Wenn Energieversorger in Zukunft erfolgreich sein wollen, welche Taktik sollten sie verfolgen?

Dominik Schwärzel: Ich würde empfehlen, nicht einfach direkt loszurennen, wie es vielleicht in der Vergangenheit teilweise der Fall war.

Zunächst müssen wir verstehen und akzeptieren, dass die Welt heute komplexer ist und sich immer schneller verändert. Das sind Entwicklungen, die wir nicht unmittelbar beeinflussen können.

Deshalb sollten sich Stadtwerke die Frage stellen, ob es überhaupt noch sinnvoll und möglich ist, alles selbst abzudecken.

Aus meiner Sicht besteht die wichtigste Taktik darin, sich auf die eigenen Stärken zu besinnen: Was können wir als Stadtwerk besonders gut? Welche Kompetenzen können wir weiter ausbauen? Und welche Aufgaben können wir gemeinsam mit Kooperationspartnern besser lösen?

Mein Rat lautet deshalb ganz klar: Stärkenbasiert organisieren und sich auf das konzentrieren, was man wirklich gut kann.

Technologie ist Mittel zum Zweck, nicht das Ziel

Melina Neß: Viele Unternehmen reagieren auf neue Herausforderungen zunächst mit Investitionen in Technologien. Warum reicht es nicht aus, einfach bessere Software, Automatisierung oder KI einzusetzen?

Dominik Schwärzel: Weil Transformation für mich kein reines Technologieprojekt ist. Man kann nicht einfach KI im Unternehmen verteilen wie Samen auf einem Feld und erwarten, dass daraus überall automatisch hochmoderne Lösungen entstehen.

Entscheidend ist zunächst die Frage: Wo möchte ein Energieversorger im Jahr 2030 oder 2036 stehen? Wenn ich weiß, wo ich heute stehe und welches Ziel ich erreichen möchte, dann geht es nicht mehr in erster Linie um Technologie.

Es geht um Unternehmenskultur, um Disziplin, um eine gemeinsame Philosophie und um die passende Aufbau- und Ablauforganisation.

Technologie ist dabei ein Mittel, aber niemals der Zweck.

Natürlich wird uns KI helfen, bestimmte Aufgaben deutlich einfacher zu erledigen oder völlig anders zu gestalten. Aber ich warne davor, solche Veränderungen ausschließlich als Technologieprojekte zu betrachten. Das gilt auch für die Einführung von Plattformen.

Am Ende geht es um Prozesse und darum, wie ein Unternehmen organisiert ist. Das eigentliche Ziel muss sein, einen möglichst hohen Kundennutzen zu schaffen.

Technologien, Portale und Apps können dabei unterstützen. Entscheidend ist aber, dass die dahinterliegenden Prozesse effizient und schlank gestaltet sind. Kunden sollen ihre Anliegen möglichst einfach erledigen können, sich gut betreut fühlen und die Unterstützung erhalten, die sie benötigen.

Gleichzeitig müssen diese Prozesse auch für das Stadtwerk wirtschaftlich und effizient sein. Nur so kann ein Energieversorger langfristig seine Rolle als relevanter Versorger in der Region stärken.

Warum Insellösungen zunehmend an ihre Grenzen stoßen

Melina Neß: Die Energiewirtschaft wird immer vernetzter. Warum stoßen klassische Einzellösungen zunehmend an ihre Grenzen und welche Rolle können Plattformen dabei spielen?

Dominik Schwärzel: In der Vergangenheit wurde häufig der sogenannte Best-of-Breed-Ansatz verfolgt. Für jede einzelne Problemstellung hat man sich das vermeintlich beste Werkzeug ausgesucht und anschließend versucht, die verschiedenen Lösungen miteinander zu verbinden.

Früher geschah das über CSV-Dateien, Excel- oder Dateischnittstellen. Später kamen Webservices und REST-APIs hinzu.

Das grundlegende Problem blieb jedoch bestehen: Man hat einzelne Lösungen aneinandergereiht und versucht, sie miteinander zu verbinden. Damit erreicht man zwar eine funktionale Abdeckung innerhalb des Stadtwerks, aber noch keine durchgängige Abbildung der Prozesse.

Für uns ist genau das entscheidend: Wir wollen Kundennutzen über die gesamte Prozesskette hinweg schaffen. Dafür müssen Prozesse von Anfang bis Ende gedacht und abgebildet werden.

Das ist eine der zentralen Aufgaben von Plattformen. Sie müssen konsequent aus der Perspektive der Kunden und ihrer Prozesse entwickelt werden. Dabei ist zunächst zweitrangig, welche Anbieter oder Lösungen an den einzelnen Prozessschritten beteiligt sind. Entscheidend ist, dass die gesamte Prozesskette funktioniert.

Plattformanbieter werden deshalb künftig deutlich mehr Verantwortung für die vollständig integrierte Abbildung dieser Prozesse übernehmen müssen.

Die Lösungsplattform GY: Mehr Verantwortung für Integration und Betrieb

Melina Neß: Die Wilken Software Group investiert selbst in eine Lösungsplattform. Welche konkreten Herausforderungen wollt ihr damit für Stadtwerke lösen?

Dominik Schwärzel: Wenn wir Stadtwerken empfehlen, sich auf ihre Stärken zu konzentrieren und stärker mit Partnern zusammenzuarbeiten, dann müssen wir als Wilken Software Group diesen Gedanken natürlich auch selbst konsequent verfolgen. Deshalb haben wir unsere GY Kollaborationsoffensive gestartet und setzen auf ein Ökosystem aus unterschiedlichen Partnern. Unser Ziel ist es, Stadtwerken Aufgaben abzunehmen, bei denen heute häufig unklar ist, wer eigentlich die Verantwortung trägt.

Nehmen wir das Thema Integration: Ist das ein individuelles Kundenprojekt? Wer ist für die Integration verschiedener Lösungen verantwortlich? Wer kümmert sich um die Weiterentwicklung der Schnittstellen? Wer übernimmt den Betrieb? Hinzu kommen weitere Fragen: Wer stellt die Datenkonsistenz und die Interoperabilität sicher? Wer trägt die Verantwortung für Sicherheit und Cloud-Betrieb? Gerade beim Thema Cybersecurity steigen die Anforderungen. Mit dem Cyber Resilience Act kommen weitere Anforderungen hinzu. Genau hier muss eine Plattform ansetzen. Sie muss Standards schaffen und Services bereitstellen, beispielsweise für KI, Kundenportale, Cloud-Betrieb und Sicherheit.

All das sind jedoch Mittel zum Zweck. Entscheidend ist, dass Stadtwerke damit ihre eigentlichen Ziele erreichen können. Das verstehen wir als Aufgabe eines Plattformanbieters und dieser Verantwortung wollen wir als Wilken Software Group mit unserer GY Lösungsplattform gerecht werden.

Dabei verändert sich auch unser eigenes Rollenverständnis: Wir wollen als Plattformbetreiber die Gesamtverantwortung für die Integration übernehmen.

Das gilt unabhängig davon, mit welchen Partnern wir zusammenarbeiten.

Die Verantwortung für durchgängige Prozesse und eine funktionierende Integration soll künftig bei uns als Plattformanbieter liegen und nicht bei jedem einzelnen Stadtwerk.

Von der Technologieplattform zur schlüsselfertigen Lösung

„Wir wollen als Plattformbetreiber die Gesamtverantwortung für die Integration übernehmen – damit diese nicht bei jedem einzelnen Stadtwerk liegt.“
Dominik Schwärzel, CEO der Wilken Software Group

 

Melina Neß: Der Begriff Plattform wird inzwischen sehr häufig verwendet. Viele Unternehmen bezeichnen ihre Angebote als Plattform. Was macht Wilken mit GY bewusst anders?

Dominik Schwärzel: Plattformen gibt es schon lange. Früher hat man teilweise auch dann von einer Plattform gesprochen, wenn verschiedene Einzellösungen miteinander verbunden wurden. Für uns ist deshalb die Bezeichnung Lösungsplattform ganz entscheidend.

Wir wollen Lösungen liefern, die durchgängige Prozesse ermöglichen. Wir entwickeln bewusst keine reine Technologieplattform. Darin unterscheiden wir uns aus meiner Sicht von anderen Ansätzen.

In der Vergangenheit gab es Technologieplattformanbieter, die ihre Vorhaben vor allem als Technologieprojekte verstanden haben. Aus meiner Sicht ist genau das ein Grund, warum manche dieser Ansätze nicht erfolgreich waren. Es geht nicht darum, verschiedene Technologien einfach miteinander zu verbinden. Und es darf auch nicht sein, dass jede Integration wieder zu einem individuellen Kundenprojekt wird. Wir wollen auf unserer Plattform schlüsselfertige Lösungen bereitstellen.

Ich nutze dafür gerne den Vergleich mit dem Hausbau.

Wenn du ein Haus baust, kannst du die einzelnen Gewerke selbst beauftragen. Dann bist du als Bauherrin aber auch dafür verantwortlich, dass alle Beteiligten zusammenarbeiten. Du musst die Handwerker koordinieren, Termine abstimmen und sicherstellen, dass die einzelnen Arbeiten aufeinander aufbauen. Wenn ein Handwerker nicht kommt, kann der nächste möglicherweise nicht anfangen. Das ist aufwendig und komplex. Unser Ansatz ist ein anderer: Wir bieten unseren Kunden gewissermaßen einen Katalog mit sechs, sieben oder acht fertigen Häusern an. Dabei kümmern wir uns um das gesamte Zusammenspiel: um die Sicherheit des Hauses, um Strom, Licht und Wärme sowie um die Gestaltung und Funktion der einzelnen Räume.

Übertragen auf unsere Plattform bedeutet das: Wir liefern schlüsselfertige Lösungen, bei denen die verschiedenen Komponenten bereits sinnvoll zusammenspielen. Der Kunde muss sich nicht selbst um die Integration aller Einzelteile kümmern. Unser Anspruch ist es, damit einen möglichst hohen Kundennutzen zu schaffen. Das ist der wesentliche Unterschied.

Partnerschaften: Wenn aus 1 + 1 mehr als 2 wird

Melina Neß: Kommen wir zurück zu deinem Vortragstitel „Alleine gewinnen ist schwer“. Welche Rolle spielen Partner in diesem System und was bedeutet echte Zusammenarbeit für dich?

Dominik Schwärzel: Einer meiner Lieblingssätze der vergangenen Monate lautet: 1 + 1 ist gleich 3.

Wenn man mit dieser Zielsetzung auf Partnerschaften schaut, verändert sich auch das Verständnis von Zusammenarbeit.

Eine Partnerschaft bedeutet für uns nicht einfach, dass wir eine bestimmte Lösung nicht im eigenen Portfolio haben, ein anderer Anbieter sie mitbringt und wir anschließend beide Lösungen miteinander verbinden.

Dann wären wir wieder bei den klassischen Insellösungen. Für uns geht echte Partnerschaft deutlich weiter. Wir brauchen ein gemeinsames Mindset und eine ähnliche Vorstellung davon, wie die Zukunft aussehen soll. Wir müssen ein gemeinsames Verständnis davon haben, wie wir Kunden betreuen und Kundennutzen schaffen wollen. Das betrifft auch Themen wie Sicherheit und Strategie.

Wir haben als Wilken Software Group selbst erkannt, wie wichtig es ist, sich auf die eigenen Stärken zu konzentrieren. Wir fragen uns deshalb ganz bewusst: Was können wir besonders gut? Worauf wollen wir unseren Fokus legen? Und in welchen Bereichen gibt es andere Unternehmen, die bestimmte Dinge besser können? Für diese Bereiche suchen wir gezielt Partner, die echte Spezialisten sind. Partnerschaften sollen einfach sein und für alle Beteiligten Mehrwert schaffen. Wir wollen gemeinsam mehr Reichweite erzielen, Innovationen vorantreiben und vor allem einen höheren Kundennutzen ermöglichen. Gleichzeitig möchten wir Partner haben, von denen wir selbst lernen können.

Dafür braucht es Vertrauen, Offenheit, Ehrlichkeit und Transparenz. Das klingt vielleicht zunächst nach klassischen Schlagworten. In einer funktionierenden Partnerschaft sind das aber ganz entscheidende Werte.

Wir sind überzeugt, dass wir mit unserer GY Kollaborationsoffensive und vielen spezialisierten Lösungspartnern auf der GY Lösungsplattform künftig einen deutlich höheren Kundennutzen schaffen können.

Und zwar nicht durch das bloße Zusammenschalten einzelner Anwendungen, sondern durch vollständig integrierte, durchgängige Prozesse.

Was Stadtwerke jetzt konkret verändern sollten

Melina Neß: Wenn du Stadtwerken zum Anpfiff für die Zukunft einen Rat mitgeben dürftest: Was sollten sie ab morgen anders machen?

Dominik Schwärzel: Zunächst einmal sollten sie akzeptieren, dass die Komplexität nicht einfach verschwinden wird. Auch die hohe Veränderungsgeschwindigkeit wird bleiben. Hinzu kommen der Fachkräftemangel und neue Technologien wie KI.

Wir müssen diese Rahmenbedingungen zunächst einmal annehmen. Ich sage immer: Wenn man eine Situation akzeptiert hat, kann man deutlich besser mit ihr umgehen.

Der zweite und aus meiner Sicht entscheidende Punkt ist der konsequente Fokus auf die eigenen Stärken.

Stadtwerke sollten sich fragen, welche Aufgaben sie wirklich selbst übernehmen müssen und welche Leistungen sie gemeinsam mit Partnern besser erbringen können. Es ist überhaupt nicht schlimm, wenn man bestimmte Dinge künftig nicht mehr selbst macht.

Das bedeutet schließlich nicht, dass man diese Leistungen seinen Kunden nicht mehr anbieten kann. Man kann sie gemeinsam mit Kooperationspartnern bereitstellen und damit weiterhin einen hohen Kundennutzen schaffen. Denn seien wir einmal ehrlich: Aus Sicht des Endkunden ist es völlig egal, welche Portale oder technischen Lösungen im Hintergrund zum Einsatz kommen. Der Kunde möchte, dass sein Anliegen möglichst einfach, effizient und zufriedenstellend erledigt wird. Er möchte sich gut aufgehoben und betreut fühlen und faire Preise erhalten. Genau darauf müssen wir uns konzentrieren.

Man muss nicht alles alleine machen. Deshalb habe ich auch diesen Titel für meinen Vortrag gewählt.

Mit den richtigen Partnern können wir gemeinsam deutlich mehr Mehrwert schaffen. Oder anders gesagt: 1 + 1 ist gleich 3.

Und der dritte Punkt ist: Fokus. Konsequenter Fokus auf die eigenen Stärken.

Weiterführend

Erfahren Sie, wie die GY Lösungsplattform durchgängige Prozesse und die Zusammenarbeit mit spezialisierten Partnern unterstützt.

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