Energie Studie/Umfrage

Vom Versorger von heute zum Energieunternehmen von morgen

Das Aufgabenfeld von Energieversorgern erweitert sich, ebenso die Anforderungen – und damit stellt sich die Frage, wie sich die Unternehmen für die kommenden Jahre aufstellen sollten. Die Umfrage Realitätscheck 2026: IT in der Energiewirtschaft zeigt unterschiedliche Ausgangslagen, aber auch auffallend klare Prioritäten. 

„Was werden erfolgreiche Energieversorger 2036 anders machen als heute?“ Diese Frage steht im Mittelpunkt des Wilken Utility Summit am 8. Oktober 2026 in Ulm. Im Vorfeld haben energate, das Fachmedienhaus für die Energiewirtschaft, und die Wilken Software Group mit dem „Realitätscheck 2026: IT in der Energiewirtschaft“ die Ausgangslage untersucht. 51 Teilnehmende, überwiegend aus Stadtwerken und kommunalen Versorgern, geben Einblick in die Situation ihrer Unternehmen.

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Die Befragung setzt beim Heute an: Wie hoch ist der Veränderungsdruck? Wie weit ist die Digitalisierung vorangekommen? Wo liegen operative Belastungen und Hemmnisse? Zugleich richtet die Umfrage den Blick nach vorn: Welche Geschäftsfelder gewinnen an Bedeutung, welche Fähigkeiten werden dafür benötigt und was erwarten Versorger künftig von ihrer IT und ihren Technologiepartnern?

Hoher Veränderungsdruck, hoher Handlungsbedarf

Der Veränderungsdruck ist bei den Unternehmen deutlich spürbar. 96 Prozent der Befragten schätzen ihn als hoch oder sehr hoch ein. Beim eigenen Digitalisierungsstand fällt die Einschätzung deutlich zurückhaltender aus: 61 Prozent bewerten ihn als eher oder sehr gering, 33 Prozent als eher hoch. Lediglich 6 Prozent zählen ihr Unternehmen zu den digitalen Vorreitern.

Dabei zeigen sich Unterschiede nach Unternehmensgröße: Von den 23 Befragten aus Unternehmen mit weniger als 50.000 Zählpunkten bewerten 83 Prozent ihren Digitalisierungsgrad als eher oder sehr gering. Bei den 19 Unternehmen zwischen 50.000 und 250.000 Zählpunkten sind es 53 Prozent. Die Ausgangslage für die weitere Digitalisierung fällt innerhalb der Stichprobe damit unterschiedlich aus.

Der relativ zurückhaltenden Selbsteinschätzung ihres Digitalisierungsgrades steht eine breite Investitionstätigkeit gegenüber. Alle Befragten nennen mindestens einen Bereich, in den ihr Unternehmen 2025 oder 2026 konkret investiert hat. Besonders häufig sind es Kundenportale und digitale Kundenschnittstellen (65 Prozent), Prozessautomatisierung (53 Prozent), ERP-, Abrechnungs- und Billing-Systeme (49 Prozent) sowie Cybersecurity (47 Prozent). Auch Smart Metering und Messwesen (43 Prozent) sowie KI-Anwendungen und Assistenzsysteme (37 Prozent) gehören bei vielen Unternehmen dazu.

„Die Messlatte für Digitalisierung steigt. Vor fünf Jahren standen häufig einzelne Systeme oder Kundenschnittstellen im Fokus. Heute zählt, wie gut die gesamte Prozesskette zusammenspielt. Ein dynamischer Tarif etwa reicht vom Kundenportal über Messdaten und Marktkommunikation bis zur Abrechnung. Gleichzeitig wachsen die Anforderungen aus Regulierung, Technologie und Kundenwünschen. Ein Unternehmen kann deshalb heute deutlich digitaler sein als früher und dennoch großen Handlungsbedarf sehen“, ordnet Tobias Mann, CCO der Wilken Software Group, die Ergebnisse ein.

Automatisierung, Integration und Daten rücken in den Mittelpunkt

Wo die Unternehmen aktuell den größten Handlungsbedarf sehen, zeigt sich über mehrere Fragen hinweg bemerkenswert konsistent. Bei den Digitalisierungsdefiziten wird eine zu geringe Automatisierung von Prozessen mit 51 Prozent am häufigsten genannt. Es folgen die fehlende Verbindung zwischen Prozessen und Systemen mit 43 Prozent sowie eine unzureichende Datenqualität mit 41 Prozent.

Auch bei den größten Bremsen für digitale Transformationsprojekte rücken die bestehenden IT- und Prozessstrukturen in den Vordergrund. Historisch gewachsene IT- und Prozesslandschaften werden mit 50 Prozent am häufigsten genannt. Es folgen eine zu geringe Automatisierung bestehender Prozesse mit 46 Prozent, mangelnde Datenqualität mit 38 Prozent und fehlende Integration zwischen Systemen und Bereichen mit 34 Prozent.

Beim Blick auf die künftige IT- und Prozesslandschaft fallen die Prioritäten entsprechend klar aus: 67 Prozent nennen eine stärkere Standardisierung von Prozessen und Lösungen, 65 Prozent einen höheren Automatisierungsgrad und 61 Prozent eine einfache Integration unterschiedlicher Systeme und Anwendungen als besonders wichtig.

Bemerkenswert ist, dass sich dieses Zielbild bei kleinen und mittleren Versorgern trotz ihrer unterschiedlichen Ausgangslage ähnelt. Bei Unternehmen mit weniger als 50.000 Zählpunkten nennen 70 Prozent Standardisierung, 83 Prozent Automatisierung und 52 Prozent Integration als wichtige Anforderungen. In der Gruppe zwischen 50.000 und 250.000 Zählpunkten sind es 74 Prozent, 68 Prozent und 63 Prozent. Die Unterschiede liegen damit weniger in der grundsätzlichen Richtung als in den jeweiligen Ausgangsbedingungen und Schwerpunkten.

„Klarheit der Prioritäten ist bemerkenswert: Standardisierung, Automatisierung und Integration liegen deutlich vorn. Das deckt sich mit unserer täglichen Erfahrung. Versorger müssen regulatorische Änderungen, neue Geschäftsmodelle und den laufenden Betrieb gleichzeitig bewältigen. Sie brauchen eine IT, die diese Komplexität beherrschbar macht und Veränderungen erleichtert“, sagt Tobias Mann.

Neue Geschäftsfelder verändern die Rolle der Versorger

Die Befragung zeigt deutlich, dass die Unternehmen ihre Herausforderung nicht nur darin sehen, ihre heutige IT zu modernisieren. Auch ihr Aufgabenspektrum entwickelt sich weiter. 61 Prozent der Befragten erwarten, dass sich Stadtwerke und Energieversorger vom reinen Energielieferanten stärker zum Anbieter integrierter Energielösungen entwickeln. 47 Prozent sehen einen stärkeren Fokus auf Beratung, Service und Kundenbindung. Gleichzeitig rechnen 51 Prozent mit einer höheren Komplexität in Abrechnung, Marktkommunikation und Messstellenbetrieb.

Auch bei den künftigen Geschäftsfeldern werden die Veränderungen konkret. 53 Prozent der Umfrageteilnehmenden sehen die Vermarktung von Flexibilität, beispielsweise aus Speichern, Wärmepumpen oder steuerbaren Verbrauchseinrichtungen, als besonders relevant an. 51 Prozent nennen Energiedienstleistungen für Privat- und Gewerbekunden. Home-Energy-Management-Systeme erreichen 37 Prozent, Wärmeversorgung und Quartierslösungen sowie dynamische Tarife jeweils 33 Prozent.

Umsetzungskapazitäten werden zum strategischen Faktor

Mit den neuen Geschäftsfeldern wachsen auch die Anforderungen an die Unternehmen. Das zeigt sich besonders bei der Integration dezentraler Erzeuger, Speicher, Wärmepumpen, Ladeinfrastruktur und steuerbarer Verbrauchseinrichtungen. 41 Prozent der Befragten sehen hier hohen Handlungsbedarf, verfügen aber nur teilweise oder aktuell nicht über die notwendigen Kapazitäten. Weitere 24 Prozent konzentrieren sich derzeit vor allem auf regulatorische Anforderungen. Gleichzeitig bauen 12 Prozent bereits aktiv neue Steuerungs-, Daten- und Prozessfähigkeiten auf, 22 Prozent investieren gezielt in Pilot- und Zukunftsthemen.

Damit rückt eine Frage in den Vordergrund, die über einzelne Technologien hinausgeht: Wie schaffen Energieversorger ausreichend Freiraum, um das bestehende Geschäft zuverlässig zu betreiben und zugleich neue Fähigkeiten und Angebote aufzubauen? Automatisierung und Standardisierung bekommen vor diesem Hintergrund eine zusätzliche Bedeutung. Sie können dazu beitragen, Ressourcen in bestehenden Abläufen zu entlasten und Kapazitäten für neue Aufgaben verfügbar zu machen.

Prozesskompetenz wird wichtiger – auch bei Technologiepartnern

Wo dafür Kompetenzen benötigt werden, zeigt die Befragung ebenfalls deutlich. 59 Prozent sehen aktuell oder absehbar Kompetenzbedarf bei Prozessmanagement und Prozessautomatisierung – der höchste Wert unter den abgefragten Bereichen. Jeweils 35 Prozent nennen IT-Betrieb, Software und Systemarchitektur sowie Datenmanagement, Datenqualität und Datennutzung. Bei KI und KI-Anwendungen sehen 29 Prozent Kompetenzbedarf.

Gleichzeitig steigen die Erwartungen an Technologie- und Beratungspartner. 45 Prozent der Befragten erwarten von ihnen mehr Verantwortung für durchgängige Prozesse. Jeweils 39 Prozent wünschen sich eine schnellere und standardisiertere Umsetzung regulatorischer Anforderungen sowie stärkere Unterstützung bei der Integration von Systemen und Plattformen. 37 Prozent nennen die praxisnahe Integration von KI- und Automatisierungsfunktionen.

In der Zusammenschau zeichnet sich eine veränderte Arbeitsteilung ab: Energieversorger benötigen die eigenen Kompetenzen, um ihre Transformation zu steuern und neue Geschäftsfelder zu entwickeln. Technologiepartner sind gleichzeitig stärker gefordert, Verantwortung für das Zusammenspiel von Anwendungen und durchgängigen energiewirtschaftlichen Prozessen zu übernehmen.

KI kommt unterschiedlich schnell in der Praxis an

Künstliche Intelligenz ist bei einem Teil der Unternehmen bereits im Arbeitsalltag angekommen. 33 Prozent der Befragten setzen KI in einzelnen Bereichen operativ ein. Weitere 25 Prozent haben erste Pilotprojekte gestartet, sechs Prozent haben Pilotprojekte abgeschlossen oder befinden sich in deren Auswertung. Bei einem Viertel wird KI strategisch diskutiert, aber noch nicht konkret eingesetzt. Nur sechs Prozent geben an, dass KI derzeit keine relevante Rolle spielt.

Der Größenvergleich zeigt dabei erneut unterschiedliche Ausgangspunkte. Bei den Unternehmen mit weniger als 50.000 Zählpunkten setzen 17 Prozent KI in einzelnen Bereichen operativ ein. In der Gruppe zwischen 50.000 und 250.000 Zählpunkten sind es dagegen bereits 42 Prozent. Gleichzeitig sehen 43 Prozent der kleineren Unternehmen Kompetenzbedarf bei KI und KI-Anwendungen; bei den mittleren Unternehmen sind es lediglich fünf Prozent.

Beim künftigen KI-Einsatz steht für die Befragten der konkrete Nutzen im Vordergrund: 49 Prozent halten einen Ansatz für sinnvoll, bei dem KI Mitarbeitende im Arbeitsalltag intelligent unterstützt, ohne zusätzliche Komplexität zu erzeugen. 22 Prozent setzen auf eine bereichsübergreifende Integration in Daten, Prozesse und Organisation, 18 Prozent auf einen gezielten Einsatz in einzelnen Anwendungen und Prozessen.

Damit fügt sich KI in das Gesamtbild der Befragung ein: Entscheidend wird sein, neue technologische Möglichkeiten so einzusetzen, dass sie bestehende Aufgaben vereinfachen, Automatisierung voranbringen und sich in die vorhandene Daten- und Prozesslandschaft integrieren lassen.

Standardisierung, Automatisierung und verfügbare Kapazitäten als wiederkehrende Themen

Zum Abschluss der Umfrage gaben 25 der 51 Teilnehmenden in einer offenen Frage an, was aus ihrer Sicht der wichtigste Hebel für eine erfolgreiche Transformation der Energiewirtschaft ist. Die Antworten lassen sich aufgrund des offenen Formats nicht quantitativ gewichten, greifen aber mehrere Themen aus den geschlossenen Fragen erneut auf: Wiederkehrend genannt werden Standardisierung und Automatisierung, die Reduktion von Komplexität und Bürokratie, verlässliche Rahmenbedingungen sowie ausreichende Kompetenzen und Kapazitäten. Mehrere Antworten stellen zudem einen direkten Zusammenhang zwischen der Automatisierung von Massenprozessen und freiwerdenden Kapazitäten für Transformationsaufgaben her.

Damit verdichten die offenen Antworten einen zentralen Befund der Umfrage: Die anstehenden Aufgaben zeichnen sich für viele Unternehmen bereits ab. Eine entscheidende Frage wird sein, wie sie die organisatorischen, technologischen und personellen Voraussetzungen schaffen, um diese Aufgaben parallel zum laufenden Geschäft umzusetzen.

Das Zielbild: Veränderung schnell und verlässlich umsetzen

Was folgt daraus mit Blick auf die Ausgangsfrage des Utility Summit? Der Realitätscheck zeichnet kein fertiges Bild des Energieversorgers von 2036. Er gibt aber Hinweise, welche Fähigkeiten aus heutiger Sicht an Bedeutung gewinnen. Erfolgreiche Energieversorger werden Veränderungen schnell und verlässlich umsetzen können. Dafür brauchen sie eine IT- und Prozesslandschaft, die neue Anforderungen aufnehmen kann, ohne mit jeder Veränderung zusätzliche Komplexität aufzubauen. Standardisierung, Automatisierung, integrierte Systeme und verlässliche Daten schaffen dafür eine wichtige Grundlage.

Gleichzeitig gilt es, Freiräume für neue Aufgaben zu schaffen. Flexibilität, Energiedienstleistungen und die intelligente Steuerung dezentraler Anlagen erweitern das Geschäft der Versorger. Neue Technologien wie KI eröffnen zusätzliche Möglichkeiten. Zusammengenommen werden Kompetenzen und Kapazitäten benötigt, die im laufenden Betrieb nicht unbegrenzt verfügbar sind.

Auch die Arbeitsteilung wird zu einer strategischen Frage. Versorger werden entscheiden, welche Kompetenzen für ihr künftiges Geschäftsmodell zentral sind, wo Standards entlasten können und welche Verantwortung Technologiepartner übernehmen. Für Technologieanbieter wiederum wächst die Aufgabe, über einzelne Anwendungen hinaus das Zusammenspiel von Systemen und energiewirtschaftlichen Prozessen mitzudenken.

Der Energieversorger von 2036 wird sich damit vor allem durch seine Fähigkeit auszeichnen, neue Anforderungen, Technologien und Geschäftsmöglichkeiten schnell in ein funktionierendes Gesamtmodell zu überführen. Ein klares Zielbild, beherrschbare Strukturen und eine klare Verteilung von Verantwortung schaffen dafür die Voraussetzungen.

Zur Methodik der Umfrage

Der „Realitätscheck 2026: IT in der Energiewirtschaft“ wurde von energate und der Wilken Software Group im Vorfeld des Utility Summit 2026 durchgeführt. Grundlage der Auswertung sind 51 vollständig abgeschlossene und abgesendete Fragebögen.

Die Stichprobe ist stark von Stadtwerken und kommunalen Versorgern geprägt: 71 Prozent der Befragten ordnen ihr Unternehmen dieser Kategorie zu. Bei der Unternehmensgröße entfallen 23 Befragte auf Unternehmen mit weniger als 50.000 Zählpunkten, 19 auf Unternehmen mit 50.000 bis 250.000 Zählpunkten und sechs auf Unternehmen mit mehr als 250.000 Zählpunkten. Drei Befragte machten hierzu keine Angabe.

Die Ergebnisse sind nicht repräsentativ für die gesamte deutsche Energiewirtschaft, sondern als Stimmungsbild der teilnehmenden Unternehmen zu verstehen. Bei Fragen mit Mehrfachauswahl beziehen sich die Prozentwerte auf den Anteil der Befragten, die die jeweilige Antwort ausgewählt haben; die Summe kann deshalb über 100 Prozent liegen.

Bei den Größenvergleichen sind insbesondere die Ergebnisse der Gruppen unter 50.000 und zwischen 50.000 und 250.000 Zählpunkten als Tendenzen innerhalb der Stichprobe zu verstehen. Für die Gruppe mit mehr als 250.000 Zählpunkten werden aufgrund der geringen Fallzahl von sechs Unternehmen im Artikel keine Prozentvergleiche vorgenommen.

Bei nahezu allen geschlossenen Fragen beträgt die Basis 51 Teilnehmer. Frage 10 wurde von 50 Personen beantwortet. Die offene Abschlussfrage 23 beantworteten 25 Personen; ihre Antworten wurden qualitativ nach wiederkehrenden Themen ausgewertet und nicht quantitativ gerankt.

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